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H G Wells

Der Prophet im Labyrinth

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783552051720
Sprache: Deutsch
Umfang: 344 S., mit zahlreichen Abbildungen
Format (T/L/B): 3 x 19.2 x 12.7 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Man kennt ihn als Autor der "Zeitmaschine", als Erfinder phantastischer Geschichten über Außerirdische, Unsichtbare und Mischwesen zwischen Tier und Mensch: Doch damit ist nur eine Seite von Herbert George Wells benannt. Elmar Schenkels essayistischer Rundgang beweist: Dieser Autor hat auf vielfältige Weise das vergangene Jahrhundert beeinflusst, indem er Ideen bereitgestellt und prophetisch in die Zukunft gedacht hat.

Autorenportrait

Elmar Schenkel, geboren 1953 bei Soest/Westfalen, ist Professor für englische Literatur in Leipzig. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit den Wechselbeziehungen zwischen Literatur und Naturwissenschaften und publizierte über moderne Lyrik, zu John Cowper Powys und G. K. Chesterton. 2001 erschien der Reisebericht Ein Lächeln und zwei Fragezeichen. Indisches Reisetagebuch und im Zsolnay Verlag H. G. Wells. Der Prophet im Labyrinth.

Leseprobe

Kartographie Es gibt wenige Spaziergänger bei Wells; keine geruhsamen, resignierten Wanderer, Abkömmlinge der Romantik, Meditierende und Zukurzgekommene wie in der deutschen Literatur. Ging er selbst spazieren? Wir wissen, daß er gerne wanderte, aber oft war es ihm zu langsam, er konnte ungeduldig sein, und deshalb zog er Fahrzeuge vor. Zunächst das Fahrrad, das eine Zeitlang auch Dreirad, Tricycle, war. Auf dem Fahrrad begann er die Landschaft, aber auch die Luft zu entdecken, Bewegungen des Himmels, Luftschiffe, so daß sich aus dem Zweirad in seinen Geschichten bald Fluggeräte erhoben, Zeppeline, Ballons, fischartige Gestalten und allerlei Konstruktionen, die über den Ärmelkanal schwebten, noch be-vor Blériot seinen Flug antrat; Fluggeräte auch, die von Deutschland über den Atlantik flogen, um Amerika zu erobern; schließlich Fahrzeuge für das All, Raketen, Kapseln mit Antischwerkraftelementen. Später bestieg Wells das Auto und noch später wurde das Flugzeug sein Vehikel, mit dem er aus der Vogelperspektive die Weltorte sah und den Weltplan zu schmieden begann. Er hatte, bei allem demokratischen Denken, immer etwas Diktatorisches, und für die Diktatur war, wie die Futuristen es in die Welt blökten, das Flugzeug geboren worden. Aber Wells haßte auch die Diktaturen, er bekämpfte Faschismus und Kommunismus, bewunderte zunächst Stalin, verachtete Hitler und Mussolini, bewunderte Lenin und Roosevelt, kritisierte sie alle, und bestieg wieder das Flugzeug, um an den Menschenrechten zu arbeiten, um eine Weltenzyklopädie zu entwerfen und um das Weltgehirn in Form einer offenen Verschwörung, einer open conspiracy, vorzubereiten. Fahrzeuge befreiten ihn von der Welt, die er als uneingelöste, unfertige, noch zu verwirklichende haßte und liebte. Man könnte sein Werk nach Fahrzeugen einteilen: das Fahrrad rast durch The Time Machine (Die Zeitmaschine), ist gar identisch mit ihr, durch den Radlerroman The Wheels of Chance (Die Räder des Glücks); durch die Sozialsatiren Kipps, Mr. Polly und Love and Mr. Lewisham. Es verwandelt sich in The War in the Air (Der Luftkrieg) zunächst in ein Motorrad, dann in einen Ballon und schließlich in eine Flugmaschine. In The First Men in the Moon (Die ersten Menschen auf dem Mond) steigt die Raketenkapsel in den Weltraum, während auf dem Mond andere Arten der Fortbewegung praktiziert werden, etwa das schwerelose Hüpfen oder die merkwürdigen Bewegungen der Mondbewohner, der Seleniten. Die Marsianer lassen sich mit Projektilen zur Erde schießen und staken auf hohen Dreifüßen durch England. In mehreren Erzählungen - etwa in "Under the Knife" ("Unter dem Messer") - verläßt der Mensch das Fahrzeug namens Körper und läßt das Bewußtsein selbst ausfliegen. In dieser Geschichte verläßt der Mensch den irdischen Innenraum; Information und Bewegung werden eins. So ließe sich Wells' Werk als Diagramm von Bewegungen und Fahrzeugen beschreiben, auch als Diagramm von Geschwindigkeiten, vom Auftauchen und Verschwinden. Das Vergessen ereilt Autoren auf die unterschiedlichste Art. Fehlende Resonanz beim Publikum oder Eigenbrötlerei der Schreibenden mögen in den meisten Fällen genügen. Das Vergessen bedient sich jedoch einer genialeren Strategie, wenn es dafür sorgt, daß sich Autoren mit ihren Werken und Ideen so weit ausdehnen, daß diese einen gasförmigen Zustand erreichen und von der Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden sind. Literaturgeschichte erweist sich dann als eine Folge von Aggregatzuständen, die nur mühsam zu rekonstruieren sind. Denn wie verflüssigt und verfestigt man literarisches Gas und macht es so wieder beschreib Leseprobe