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Buchtipps - Romane/Erzählungen

Der deutsche Kulturbetrieb ist zwar nicht gerade bekannt für Inklusivität und Diversity, aber es geschieht durchaus mal, dass auf irgendeinem künstlerischen Empfang ein Underdog ans Büffet gelangt. Wehe aber, ihm gleitet das Gürkchen vom Schnittchen und der Festivaldirektor rutscht darauf aus! Das ist der Auftakt zu einer Höllenfahrt durch die deutsche Kultur mit Goethe, Schäferhund, den Gebrüdern Grimm und allem, was den deutschen Geist erfreut.

Der von Schatten begrenzte Raum des Theaters war immer ihr Zuhause. Nachdem in der Türkei 1971 das Militär die Regie übernahm, zog es Emine Sevgi Özdamar an die Bühnen von Berlin, Paris, Bochum und anderswo, wo man mit Begeisterung Brecht’sches Theater machte. Von Schatten begrenzt ist auch der Raum des Exils, in dem das Leben der Erzählerin spielt.

Neuübersetzung von  Manfred Allié. Myanmar hieß in den 1920er Jahren Burma und stand als Teil von Indien unter britischer Kolonialherrschaft. Ein Rädchen des Empire war der Polizist Eric Arthur Blair, der auf einem Heimaturlaub in England den Kolonialdienst quittierte, um unter dem Namen George Orwell Journalist und Schriftsteller zu werden. Vor allem sein Bericht über seinen Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg und seine dystopischen Romane werden bis heute viel gelesen.

Annie Ernaux’ unpersönlich autobiografische Bücher zu lesen ist ein bisschen so, als wäre man bei einer archäologischen Ausgrabung dabei: Behutsam und konzentriert wird Schicht für Schicht eine Erinnerung freigelegt, und anhand des einzelnen Fundstücks wird sein gesellschaftlicher Kontext sichtbar. Das Ereignis handelt von Ernaux’ illegaler Abtreibung im Winter 1961/62. Die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen gehört leider nicht einer längst verschütteten Vergangenheit an.

Natascha Wodin hat einen Roman über das Leben einer Tiefbauingenieurin aus Kiew geschrieben, die sie in den 1990ern in Berlin als Putzhilfe kennenlernte. Eine Ost-West-Migration, von einer Mangelwirtschaft in die andere, aus der realsozialistischen Notversorgungsgemeinschaft der Familie in die einsame Prekarität der großstädtischen Schattenökonomie. Auch ein Buch, durch das man Berlin mit anderen Augen sieht.

Das kitschige Cover und der Titel haben mich nicht angesprochen. Auch nicht der Klappentext, der vom „überraschenden Zauber“ von „Limonade und Schoko-Brownies im entscheidenden Augenblick“ säuselt. Vielleicht habe ich das Buch nur aufgeschlagen, weil ich nicht glauben wollte, dass Paula Fox so etwas begeistern könnte. Und was offenbart sich mir? Ein Roman, der Freiheit und Liebe einmal wirklich anders buchstabiert!

Sophia de Mello Breyner Andresen (1919–2004) gilt als eine der wichtigsten portugiesischen Dichterinnen und ist hierzulande wenig bekannt. Sie entstammt aristokratischen Verhältnissen, verübte Klassenverrat und engagierte sich im Widerstand gegen den Estado Novo, die reaktionäre Diktatur. Nach der Nelkenrevolution 1974 war sie als Abgeordnete des Partido Socialista Mitglied der verfassungsgebenden Versammlung. 1999 erhielt sie als erste Frau den Prémio Camôes, den wichtigsten Literaturpreis der portugiesischsprachigen Welt.

Schauplatz dieses atmosphärischen und spannenden Romans ist ein großes, altes Haus an der schottischen Küste. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zieht Ruth mit ihrem Mann und dessen beiden Söhnen aus erster Ehe ein. Für die Londonerin ist es ungewohnt, dass genau beobachtet wird, wie oft sie das Café und wie selten sie die Messe besucht. Auch die lokalen Bräuche findet sie verstörend. Die Stiefsöhne gehen ins Internat, der Mann zu einer anderen. Ruth sucht Zuflucht beim Whisky und findet die Freundschaft der Haushälterin Betty.

Der Verbrecher Verlag hat unter dem Titel kurze form eine neue Reihe gestartet. Als zweiter Band sind nun Erzählungen von einer jungen Zagreber Autorin erschienen. Ein begeisterter Rezensent erkennt in Bakić schon die Nachfolgerin von Edgar Allan Poe und den Brüdern Strugatzki. 

Sally Rooney erzählt die Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die in der Oberstufe der Schule das erste Mal zueinander finden und, für sie selbst nicht ganz erklärlich, nicht mehr voneinander lassen können. Connell, Sohn einer Reinigungskraft, ist in der Schule der irischen Kleinstadt gut integriert und beliebt, während Marianne, aus einer betuchten Anwaltsfamilie, als schräge und arrogante Außenseiterin gilt. Als die beiden anfangen sich zu treffen, soll das niemand wissen.