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Buchtipps - Politische Sachbücher

Kapitalistische Entwicklung gibt es nur, „indem sie zugleich die Springquellen des Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ So steht es im Ersten Band des Kapitals geschrieben, und dass es stimmt, hat der Lauf der Geschichte leider bestätigt. Der Kapitalismus hat die ökologischen Krisen so weit getrieben, dass die Existenz der Gattung Mensch bedroht ist. Eine Lösung kann er nicht bieten. Was also dann? Ökosozialismus?

Das identitätspolitische Lesebuch „Als Richard Schuberth sich an den Schreibtisch setzte, um eine umfassende Kritik der Identitätspolitik (und ihrer Kritiker) zu schreiben, musste er feststellen, dass das Wesentliche dazu schon längst gesagt wurde, von anderen, aber – zu seinem Erstaunen – auch von ihm selbst. [...] So beschloss er kurzerhand eine Anthologie herauszugeben.“

Wir können nichts wirklich anerkennen und für nichts Verantwortung übernehmen, das wir nicht auch zu hinterfragen bereit sind. Und wir können nichts hinterfragen, was wir uns nicht in einem Akt der Vorstellung zu eigen gemacht haben. Das macht, folgen wir James Baldwin, Erfahrung aus.

Die Rache der Juden, das Versagen der deutschen Justiz nach 1945 und das Märchen deutsch-jüdischer Versöhnung Der Untertitel gibt an, worum es in diesem Buch geht. Eine substanzielle und engagierte Kritik der herrschenden Erinnerungspolitik.

Während Deutschland kopfüber in die vierte Welle stolpert, während die nächste Regierung antritt, die „organisierte Unverantwortlichkeit“ zu verantworten und unvorbereitete Maßnahmen zu ergreifen, möge wer kann die Zeit daheim nutzen, um aufzuarbeiten, was bisher in der Corona-Pandemie geschah. 2020 begann eine in vieler Hinsicht beispiellose Krise. Wohl selten mussten global in so verdichteter Zeit so viele politische Entscheidungen getroffen werden.

Online-Veranstaltungen haben den Vorteil, dass man mit Leuten diskutieren kann, die tausende Kilometer entfernt sind. Außerdem braucht man, wenn man nicht gerade zu der Minderheit gehört, die im Homeoffice beschäftigt wird, wenigstens am Feierabend keine Angst vor Ansteckung zu haben. Trotzdem ist das nicht das Wahre. Kameras, Mikrofone und die Einblicke in fremde Wohnräume erzeugen Beklommenheit. Auch fehlen das gemeinsame Bier, der Schweiß- und Tabakdunst, das Geraschel und Geschnaube, das Drumherum, das so einer gesellschaftskritischen Zusammenkunft erst die Würze verleiht.

Alternativ heißt nicht gleich marginal. Über Gesundheits- und Ernährungslehren, psychotherapeutische und sozialarbeiterische Methoden, Coaching- und Management-Konzepte sickern Versatzstücke esoterischen Denkens ins Alltagsbewusstsein ein. Nicht jede, die Achtsamkeitsübungen praktiziert, auf ihr Inneres Kind hört und bei der Gymnastik die Energie fließen spürt, ist hartgesottene Esoterikerin. Und die allermeisten, die die Produkte anthroposophischer Unternehmen konsumieren, scheren sich wahrscheinlich nicht die Bohne um die Lehren Rudolf Steiners.

Die Klimakrise nimmt unübersehbar dramatische Ausmaße an. Die herrschenden Klassen reagieren unterdessen mit mehr vom selben: Mehr „Emissionshandel“, mehr „technische Lösungen“ (wie Wasserstoff als Energieträger), mehr leere Versprechungen. Durch höhere Verbraucherpreise soll der Kapitalismus ökologisch werden – diesmal wirklich, ganz ehrlich. Ist ein CO2-Preis das kleinere Übel? Muss in den westlichen Metropolen der Lebensstandard der unteren Klassen sinken, damit wir die Welt retten?

Anne Boyer hat aus ihrer Brustkrebserkrankung ein Buch gemacht, das eine Streitaxt ist. Sie reißt dem Brustkrebs die rosa Schleifchen ab, kritisiert die politische Onkologie und besteht darauf, dass, so persönlich und existentiell der Krebs ist, „über den Tode nachzudenken, heißt, über alle nachzudenken“. All die Überlebendengeschichten, die Trostliteratur und Ratgeber dröhnen über wesentliche Erfahrungen hinweg.

Als gegen Ende der ersten Pandemiewelle die Rufe nach einer „Rückkehr zur Normalität“ immer lauter wurden, fragten wir in einem Aushang unseres Buchladens: „welche Normalität?“ Auch für Georg Seeßlen hält eine Rückkehr zur Normalität eher Schrecken denn Erleichterung bereit angesichts eines Systems, in dem Menschen nicht als Menschen, sondern in erster Linie als Arbeitskräfte und Konsument*innen gelten, wie die Coronakrise verschärft zutage treten lässt. Hauptsache „die Wirtschaft“ wird gerettet (und Weihnachten).