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Buchtipps - Geschichte

In der Leipziger Schrebergartenkolonie „Hoffnung West e. V.“  hat Deborah Jeromin einen Kleingarten gepachtet. Zwischen den Parzellen wachsen Maulbeerhecken, ein Überbleibsel aus dem Nationalsozialismus. „Grabe, wo du stehst“ war das Motto der Geschichtswerkstätten-Bewegung der 1980er Jahre. In diesem Geist hat Jeromin – nein, nicht zum Spaten gegriffen, sondern im Vereinsarchiv einen Aktenordner aus den 1930er Jahren ausgebuddelt, der den Ausgangspunkt ihrer Recherche über den Zusammenhang des sächsischen Feierabendparadieses mit deutschen Kriegsverbrechen auf Kreta bildet.

Im Jahr 1934 erschien allen amtlichen Zensurversuchen zum Trotz in den Niederlanden Anton de Koms Wij Slaven van Suriname als eines der ersten Bücher, das die Geschichte des Kolonialismus seit dem 16. Jahrhundert aus der Perspektive der Ausgebeuteten und ihres Widerstands schreibt. Suriname, erst seit 1975 unabhängig, ist das kleinste Land Südamerikas. Als Exempel des Kolonialismus ist es die sprichwörtliche Nussschale, deren groteske Formen unter dem scharfen Blick de Koms sichtbar werden.   

Mit 21 Jahren brach Martha Gellhorn ihr Studium ab und machte sich mit ihrer Schreibmaschine auf nach Paris, um Schriftstellerin zu werden. Berühmt wurde sie auch für ihre Zeitungsreportagen und Reiseberichte aus Kriegen, Krisengebieten und Gesellschaften im Umbruch. Gellhorn war nicht nur eine mutige Reporterin, ihre Berichte ragen heraus, weil sie ihren Auftrag herauszufinden, was los ist, mit solch aufrichtiger und gewissenhafter Neugier verfolgt.

Eine neue Erklärung, wie denn nun zu Urzeiten der Staat der Geschichte entsprungen ist, liefert dieses Buch nicht. Zunächst, weil es den einen Anfang nicht gibt. Der Politologe und Anarchist James C. Scott fasst „Staatlichkeit“ als „institutionelles Kontinuum“, „weniger ein Entweder-oder als ein Mehr oder Weniger“. So sind aus den Gemeinwesen des frühen Mesopotamien, Orten wie Ur, Uruk und Eridu, auf die sich Scotts Untersuchung vor allem bezieht, zwischen 6500 und 3000 v. Chr. erst ganz allmählich ummauerte Kleinstaaten geworden.

Neuausgabe nach der Erstedition. Von Arthur Koestler stammt eines der bekannteren literarischen Zeitdokumente über den spanischen Bürgerkrieg. Ein spanisches Testament berichtet von der Eroberung Malagas durch die faschistischen Putschisten im Januar und Februar 1937. Koestler selbst wurde gefangengenommen und als vermeintlicher Spion zum Tode verurteilt. Nach drei Monaten, in denen die Franquisten tausende Mitgefangene ermordeten, kam er auf Vermittlung der britischen Regierung hin frei.

Aus Anlass des Fünfzigsten von `68 sind 2018 reihenweise Bücher erschienen. Das andere Achtundsechzig ragt tatsächlich heraus und weicht überraschend ab von einigen Narrativen, die immer wieder aufgerufen werden, wenn es um den gesellschaftlichen und politischen Wandel der 1960er Jahre geht:

Die Zurechtweisung der Blockwartsfrau, den Müll korrekt zu trennen, klingt wie eine Morddrohung. Frenkel schildert, wie sich die Entwicklung zur Katastrophe in kleinen, alltäglichen Begebenheiten niederschlägt. Die jüdische Polin führte in Berlin eine französische Buchhandlung, die sie erst nach Kriegsbeginn aufgab, um wie tausende andere zunächst nach Frankreich und dann weiter in die Schweiz zu fliehen. Die Mittel und Wege der Fluchthilfe unterschieden sich nicht sehr von den heutigen. Die Motive derer, die Scheinehen, Beherbergung, Schlepperei, etc. anboten, waren nicht immer selbstlos.

Während sich die kleine Louise Michel in den 1830er Jahren noch auf einem zerfallenden Schloss mit Voltaire und katholischer Mystik im wilden Denken übt, lassen sich ältere Zeitgenossen über den „prosaischen“ Charakter der modernen Welt aus. Die Industrialisierung schreitet voran und mit ihr wächst der „buntscheckige Haufen“ der Proletarisierten. Als Klasse der Besitzlosen teilen sie zunächst nicht viel miteinander, nicht Herkunft, nicht Heimat, keine gemeinsame Sprache und schon gar kein politisches Bewusstsein.