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Buchtipps

Die Selbstgefährdungspotenziale der Menschheit könne man nicht unterschätzen, meinte Paul Parin. Das habe er schon als junger Mann gesehen und darum 1934 beschlossen, Chirurg zu werden – in Vorbereitung auf den nächsten kommenden Krieg. 1944/45 versorgten er und Goldy Parin-Matthéy dann in einem Lazarett der Partisanen in Slowenien unermüdlich Kriegsopfer.

Annie Ernaux’ unpersönlich autobiografische Bücher zu lesen ist ein bisschen so, als wäre man bei einer archäologischen Ausgrabung dabei: Behutsam und konzentriert wird Schicht für Schicht eine Erinnerung freigelegt, und anhand des einzelnen Fundstücks wird sein gesellschaftlicher Kontext sichtbar. Das Ereignis handelt von Ernaux’ illegaler Abtreibung im Winter 1961/62. Die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen gehört leider nicht einer längst verschütteten Vergangenheit an.

Kämpfe, Forderungen, Verweigerungen, Besetzungen, Streiks, Aktivitäten verschiedenster Art für Freiheit und Gerechtigkeit, gegen Krieg, Faschismus und Kapital haben in Berlin eine lange und vielfältige Geschichte, und die viel besungene „letzte Schlacht“ ist noch nicht geschlagen. Es ist schön, in Erinnerungen zu schwelgen, aber die Niederlagen und Opfer werden nicht vergessen. Erinnern heißt kämpfen! Dieser üppige Band sollte in keinem linksradikalen Haushalt fehlen.

Natascha Wodin hat einen Roman über das Leben einer Tiefbauingenieurin aus Kiew geschrieben, die sie in den 1990ern in Berlin als Putzhilfe kennenlernte. Eine Ost-West-Migration, von einer Mangelwirtschaft in die andere, aus der realsozialistischen Notversorgungsgemeinschaft der Familie in die einsame Prekarität der großstädtischen Schattenökonomie. Auch ein Buch, durch das man Berlin mit anderen Augen sieht.

Während Deutschland kopfüber in die vierte Welle stolpert, während die nächste Regierung antritt, die „organisierte Unverantwortlichkeit“ zu verantworten und unvorbereitete Maßnahmen zu ergreifen, möge wer kann die Zeit daheim nutzen, um aufzuarbeiten, was bisher in der Corona-Pandemie geschah. 2020 begann eine in vieler Hinsicht beispiellose Krise. Wohl selten mussten global in so verdichteter Zeit so viele politische Entscheidungen getroffen werden.

Seema Dahami ist Großstadtgärtnerin, Hundefan und Vegetarierin, denn: „Milch ist Geschenk, Blut ist Gewalt“. Als ein eleganter älterer Herr mit dem Aussehen eines mediterranen Aristokraten sie mit der Gestaltung eines Dachgartens beauftragt, geraten ihre Prinzipien ins Wanken und sie selbst in den Bann ihres geheimnisvollen Kunden. Wird Seema seiner magnetischen Anziehungskraft widerstehen oder ihrer selbstverleugnenden Leidenschaft erliegen?

East ist 15 und aus seinem Viertel in Los Angeles kaum je rausgekommen, geschweige denn aus der Stadt. Was ihm das Leben dort beigebracht hat, ist in jeder Situation die Kontrolle zu behalten. Vermeintlich zur Bewährung schickt der Boss des Drogenrings, für den East arbeitet, ihn mit drei anderen jungen schwarzen Männern, alle Spezialisten auf ihrem Gebiet, nach Wisconsin, um einen Mordauftrag zu erledigen.

Online-Veranstaltungen haben den Vorteil, dass man mit Leuten diskutieren kann, die tausende Kilometer entfernt sind. Außerdem braucht man, wenn man nicht gerade zu der Minderheit gehört, die im Homeoffice beschäftigt wird, wenigstens am Feierabend keine Angst vor Ansteckung zu haben. Trotzdem ist das nicht das Wahre. Kameras, Mikrofone und die Einblicke in fremde Wohnräume erzeugen Beklommenheit. Auch fehlen das gemeinsame Bier, der Schweiß- und Tabakdunst, das Geraschel und Geschnaube, das Drumherum, das so einer gesellschaftskritischen Zusammenkunft erst die Würze verleiht.

Alternativ heißt nicht gleich marginal. Über Gesundheits- und Ernährungslehren, psychotherapeutische und sozialarbeiterische Methoden, Coaching- und Management-Konzepte sickern Versatzstücke esoterischen Denkens ins Alltagsbewusstsein ein. Nicht jede, die Achtsamkeitsübungen praktiziert, auf ihr Inneres Kind hört und bei der Gymnastik die Energie fließen spürt, ist hartgesottene Esoterikerin. Und die allermeisten, die die Produkte anthroposophischer Unternehmen konsumieren, scheren sich wahrscheinlich nicht die Bohne um die Lehren Rudolf Steiners.

Das kitschige Cover und der Titel haben mich nicht angesprochen. Auch nicht der Klappentext, der vom „überraschenden Zauber“ von „Limonade und Schoko-Brownies im entscheidenden Augenblick“ säuselt. Vielleicht habe ich das Buch nur aufgeschlagen, weil ich nicht glauben wollte, dass Paula Fox so etwas begeistern könnte. Und was offenbart sich mir? Ein Roman, der Freiheit und Liebe einmal wirklich anders buchstabiert!