Rolf Pohl: Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen

Seit Jahren ist die Neuauflage von Theweleits Männerphantasien* erwartet worden und nun endlich erschienen. Und noch eine gute Nachricht: Es gibt eine mindestens ebenso wichtige Neuauflage von Rolf Pohls Studie Feindbild Frau.

 

Auch in diesem Buch geht es um die unglückselige Verquickung von männlicher Sexualität, Gewalt und rechtsautoritären Haltungen. Es erscheint also gerade zur rechten Zeit, in der Hass grassiert und Terror, Femizide und neue Kriege Angst und Schrecken verbreiten.

 

Gleichzeitig ist der Feminismus derzeit dynamisch wie schon lange nicht mehr. Eine weitere riesige Welle baut sich auf; ob sie die Reste der männlichen Herrschaft dieses Mal fortspülen wird, ist zweifelhaft. Denn Geschlechterhierarchie und Frauenfeindlichkeit sind fest in der Zivilisation verankert. Um diese fatale Verankerung zu lösen und die Dinge in Bewegung zu bringen, muss man tief Luft holen und hinabtauchen in die finsteren Untiefen von Kultur und Unbewusstem (nicht nur dem männlichen).

 

Rolf Pohl, emeritierter Professor für psychoanalytische Sozialpsychologie und Schüler von Peter Brückner, hat Mut und langen Atem bewiesen und eine umfangreiche Studie über männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen geschrieben, die er als Beitrag zu einer psychoanalytischen Theorie der Männlichkeit verstanden wissen will.

 

Seine These ist, dass eine paranoid getönte Feindseligkeit gegenüber allem, was als weiblich gilt, zur männlichen Normalausstattung in einer geschlechterhierarchischen, zwangsheterosexuellen Gesellschaft dazugehört. Nicht genug damit, dass dies sehr ernüchternd und für einige Leser wahrscheinlich nicht sehr schmeichelhaft ist – das Buch ist auch noch sehr dick und theoretisch.

 

Im ersten Abschnitt werden ethnologische und kulturtheoretische Befunde über Männlichkeit diskutiert. Der zweite Abschnitt bildet den theoretischen Hauptteil. Pohl beschreibt hier, wie sich beim männlichen Kind unter dem gesellschaftlichen Druck, sich selbst als hegemoniales Geschlecht zu setzen, eine Triebstruktur entwickelt, die zu einer phallisch-aggressiv ausgerichteten Geschlechtsidentität und der abwertenden Geringschätzung des „anderen Geschlechts“ führt. Es entsteht ein unlösbarer Widerspruch zwischen Autonomiewunsch und Abhängigkeitsangst. Das „Männlichkeitsdilemma“ besteht unter anderem darin, dass man die beherrschen soll, die man liebt und begehrt.

 

Der Autor plädiert dabei für die Fortentwicklung der Freudschen Triebtheorie. Intersubjektive Ansätze, die in den letzten Jahrzehnten en vogue waren, kritisiert er dafür, die „Verflüchtigung des Sexuellen“ (Paul Parin) zu befördern und zu einer falschen Harmonisierung von Konflikten zu tendieren.

 

Im dritten, empirischen Abschnitt geht es um die Auswirkungen des Männlichkeitsdilemmas: Pohl untersucht die Anfälligkeit männlicher Adoleszenter für eine „gewaltbereite und fremdenfeindlich aufladbare Abwehr-Kampf-Haltung“, sowie Vergewaltigungen und wie sie als Kriegsstrategie eingesetzt werden können.

 

Kurzum, es handelt sich um ein unpopuläres Buch, was gerade beim Thema Geschlechterverhältnis auch einmal sehr erfrischend ist. Und die Lesearbeit lohnt sich. Manches, was sich dem Verständnis verweigert, macht Pohl begreiflicher.

 

* Klaus Theweleit: Männerphantasien Matthes & Seitz Berlin 2019, geb., 1200 S., 38,00 €

Pohl, Rolf
Offizin-Verlag Hannover
ISBN/EAN: 9783945447246
24,80 € (inkl. MwSt.)
,
Theweleit, Klaus
MSB Matthes & Seitz Berlin
ISBN/EAN: 9783957577597
42,00 € (inkl. MwSt.)