Koschka Linkerhand (Hg.): Feministisch streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen

Der vorletzte Schrei aus der „Kreischreihe“ des Querverlags legt es nicht auf Knalleffekte an, dafür umso mehr auf inhaltliche Positionsbestimmungen. Die Autor*innen haben sich die ganze Liste feministischer (Streit-)Themen vorgenommen: sexuelle Differenzen, Reproduktion und Lohnarbeit, Sexarbeit, Identitäts- und Sprachkritik, das Durcheinander der Ismen, Männer, Polemik – alles dabei. Alle 24 Beiträge helfen, die Dinge im eigenen Kopf zu sortieren. Und es wird einiges deutlich, das in vielen Diskussionen im Unklaren blieb. Zum Beispiel bringt Daria Majewski unvergleichlich gut nahe, welche Erfahrungen trans Frauen mit Geschlechtersozialisation machen, und öffnet den Blick dafür, dass das Scheitern an den Zuschreibungen des Geschlechts eine geteilte Erfahrung ist, die uns als Frauen verbinden kann. Zu der in den letzten Jahren wieder viel diskutierten Frage des Zusammenhangs von Kapitalismus und Frauenunterdrückung hat Charlotte Mohs einen sehr überzeugenden Aufsatz verfasst: Dank der Social Reproduction Theory wird endlich ein Schuh draus!

Der gemeinsame Nenner der Beiträge ist mit dem Label materialistischer Feminismus umrissen: Mann und Frau, die Geschlechtscharaktere, haben immer Zwangscharakter – so wenig sie uns auch passen, entledigen können wir uns ihrer nicht ohne Weiteres, auch weil der patriarchale Geschlechtsunterschied und die kapitalistische Produktionsweise innigst miteinander verbandelt sind. Dies sind Einwände von Gewicht gegen manche queerfeministische Strategie.

Koschka Linkerhands Versuch, das „politische Subjekt Frau“ theoretisch zu begründen, ist nicht in allem gelungen. So taucht „weibliche Biologie als prägendes Merkmal des Frauseins“ auf, wo sie eigentlich erklären will, dass wir es immer mit einer „Körpernatur“ zu tun haben, die bereits gesellschaftlich „funktionalisiert“ ist. Wie Natur in der Gesellschaftstheorie unverfügbar ist, so lässt sich auch das Begehren nicht dingfest machen, in dem man es „Trieb“ nennt. Der Grund unserer Leidenschaften und Phantasien entzieht sich uns, immer. Was das Nachdenken darüber, was weibliches Begehren sein könnte, nicht einfacher macht.

In jedem Fall regt die Lektüre von Feministisch Streiten an, weiter über Grundlagen eines materialistischen Feminismus zu diskutieren. Wie es zum Beispiel Koschka Linkerhand und Ilse Bindseil – vielmehr staunend als streitend angesichts ihrer Differenzen – auf dem Podium getan haben, nachzuhören unter https://www.freie-radios.net/91045.

Oder wie es die Autor*innen aus unterschiedlichsten Kontexten in dem folgenden Band tun.

Koschka Linkerhand
Querverlag
ISBN/EAN: 9783896562630
16,90 € (inkl. MwSt.)